Eine Ohrfeige für die Nachhaltigkeit

„Hello Strukturförderung“ für die Nachhaltigkeitsinitiativen im Land? Weit gefehlt. Die Schere zwischen staatlich empfohlenen Budgets für Forschung und Entwicklung und denen für die Umsetzung im Alltag klafft obszön weit auseinander.

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Die Bundesregierung wollte doch ENDLICH weg von der „Projektitis“.

Mit der hatte sie nämlich bisher all diejenigen ihrer Bürger*innen, die gemeinnützig in den verschiedenen Bereichen nachhaltiger Entwicklung engagiert sind, gezwungen, sich Jahr für Jahr immer neue Projekte auszudenken, um Fördergelder für ihre Arbeit beantragen zu können.

Statt dessen sollte nun ENDLICH die kontinuierliche Arbeit der ehrenamtlichen Initiativen und Vereine gestärkt werden und Geld in ihre Strukturen fließen, wie z. B. in angemessene Honorare und Gehälter ihrer Mitarbeiter*innen, in Raummieten, in Vernetzungskosten usw.

Man gab vor, endlich begriffen zu haben, dass diese Arbeit, dieser gesellschaftlich so wichtige „Kitt“, ein entscheidender Treiber für die „Große Transformation“ ist, und schrieb das Ende 2018 sogar in die neuen „Prinzipien für eine nachhaltige Politik“. Oder was sonst ist damit gemeint, „nachhaltige Entwicklung als Leitprinzip konsequent überall an[zu]wenden“, „sozialen Zusammenhalt [zu] stärken und dabei niemanden zurück[zu]lassen“*?

Doch was ist aus dieser guten Absicht geworden? – Nun, lesen Sie selbst die öffentlich zugänglichen Zahlen:

A. (Rat für nachhaltige Entwicklung) Fördergelder für die 42 Preisträger*innen (von 450 Bewerber*innen) des erstmals 2018 ausgerufenen deutschlandweiten Wettbewerbs „Projekt Nachhaltigkeit“ (früher „Werkstatt N“ – ohne Preisgeld), die als Projekte und Initiativen für ihr innovatives und wirksames Engagement für eine nachhaltige Entwicklung ausgezeichnet wurden: je einmalig 1.000 Euro, ein Jahresvolumen also von insgesamt 42.000 Euro. – Nichts deutet darauf hin, dass der Betrag ab 2019 (signifikant) gesteigert wird.

B. ABER (2018 aktualisierte Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie): „Bis 2025 sollen die privaten und öffentlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf mindestens 3,5 Prozent des BIP steigen.“ (Hervorhebung M.P.; Auszug aus der Webseite der Bundesregierung, 07.11.18)

Mmmh, 3,5% klingt nicht viel. Jedoch: Wie hoch ist denn unser BIP? „Im Jahr 2018 betrug das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands rund 3,39 Billionen Euro.“ (Statista GmbH, Hamburg)

Oooh …: Das heißt, „mindestens 3,5 % des BIP“ werden mindestens 118,65 Milliarden Euro sein, bis 2025. Oder, auf ein Jahr heruntergerechnet: mindestens 16,95 Mrd. Euro.

Also rund 40,36 Millionen mal mehr Geld für noch mehr Studien und die mit ihnen befassten Wissenschaftler*innen als für ausgewählte Initiativen für die Umsetzung in der Gesellschaft (tägliche Bildungsarbeit, Reallabore usw.) und ihre Aktiven.

* * *

Sicher: Auch auf anderen Wegen findet Förderung für die engagierte Zivilgesellschaft statt. Es muss, kann und darf aber bezweifelt werden, dass am Ende derselbe Betrag herauskommt.

Und das ist in meinen Augen eine schallende Ohrfeige ins Gesicht jeder und jedes einzelnen Engagierten.

Wissenschaft und Technik sind wichtige Instrumente auf dem Weg in eine nachhaltig lebende Gesellschaft. Aber Nachhaltigkeit wird nicht durch Forschung und Technologie erreicht.

Die akademischen Ergebnisse und technischen Möglichkeiten müssen mit aller Kraft, also auch mit deutlichen rückenstärkenden Fördermaßnahmen, weiter in den Alltag „übersetzt“ werden. Täglich. Hartnäckig. Da, wo der Alltag stattfindet.

Und so muss auch mindestens genauso viel Geld wie in die Forschung und Entwicklung dorthin fließen.


* s. auch DEUTSCHE NACHHALTIGKEITSSTRATEGIE – Aktualisierung 2018